Defloratives Denken

Defloratives Denken

defloratives Denken

Defloratives Denken

„Terrible enough for us to have laboured to it without the reward of priority.“ – Robert F. Scott nach der Entdeckung, vier Tage später als Amundsen den Südpol erreicht zu haben

Zu den Pathologien der Anerkennung, also dem Zwang, das Ego durch gesteigerten Zuspruch zu vergrößern, gehört das deflorative Denken. Es reagiert auf die Sorge, dass Ruhm verlierbar an andere sei. Wer in diesem Jahr gewinne, könne im nächsten nur Zweiter und damit ein Niemand sein.

 

Daher strebt das deflorative Denken Leistungen an, die unveräußerlich sind. Der Inbegriff einer solchen Leistung besteht darin, in einer einmaligen Sache der Erste gewesen zu sein: Der erste Mensch auf dem Mond, auf dem höchsten Berg der Erde, der erste Weltumsegler, der Entdecker von Malaria. Die Kräfte, die diesem Denken entspringen, können jenseits alles Vorstellbaren liegen, wie der Fall Stanleys zeigt, der mit beispiellosen Entdeckungsreisen seine gehasste Kindheit überschrieb.

 

Natürlich gehen mit der Zeit die Gipfel, Shangri-Las und weißen Flecken aus. Dann wird es nötig, Sammeldeflorationen oder Deflorationsvarianten zu erfinden: der erste Mensch, der alle Achttausender bestiegen hat; der erste Mensch ohne Sauerstoffgerät auf dem Mount Everest. Auch hier dient die Erstleistung dazu, auf ewig vor die Anstrengungen jener zu treten, die später – und sei es nur eine Woche – das Gleiche geleistet haben.

Robert F. Scott

„Terrible enough for us to have laboured to it without the reward of priority.“ – Robert F. Scott nach der Entdeckung, vier Tage später als Amundsen den Südpol erreicht zu haben  |  Image: Wikipedia

“… laboured without the reward of priority.” Robert F. Scott | Image: Wikipedia

Einen Sonderfall dieses Denkens stellt der Nobelpreis dar. Er beglaubigt die Defloration durch eine Medaille, die wie ein Hochzeitslaken, jubelnd, ins Publikum gehalten wird. Dabei stellt er die Erstleistung in eine Reihe anderer, was die Beglaubigung verstärkt, ihre Alleinstellung aber schmälert. Der Preis vergewöhnlicht die Ausgezeichneten, indem er Jahr um Jahr weitere für ungewöhnlich erklärt.

 

Zu den Deflorateuren gehören außerdem die großen Verräter (Judas, Epichaltes) und die Mörder großer Persönlichkeiten (Brutus, Godse). Überhaupt kann die Geschichte als eine Kette von Erstbegehungen verstanden werden, da historische Ereignisse als solche einzigartig sind. Wir stoßen, geschichtlich betrachtet, immer ins Neue vor.

 

In diese Richtung scheint auch ein Weg aus der Pathologie zu führen. Wenn wir dem frühen Sartre folgen und in jedem Augenblick unsere totale Freiheit erkennen – es liegt allein an mir den nächsten Schritt zu tun – verwandelt sich die Welt, in der wir stehen, in einen Neuschnee, der ins Unendliche läuft. Wenn wir nur sind, was wir tun, wird jeder unserer Schritte als absolut erster gesetzt.

 

Verwandt mit diesem Ansatz ist der östliche Versuch, radikal unser Ego zurückzunehmen, unsere Sorgen- und Willensfesseln mit der Welt zu lösen und zu leben in absoluter Gegenwart, im Lächeln größter Gelassenheit, jenseits des Gezerrs von Transzendenz und Geltung.

 

Man erzählt sich, Buddha sei das unter dem Jubel aller Welten als Erstem gelungen.